Frau sein im Christentum – eine Nonne erzählt

21. März 2018 0 Von Global-Gedacht

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„Ich mache, was ich machen kann, was in meinen Kräften, in meinen Möglichkeiten, in meinen Zeitrahmen steht“  
Äbtissin Veronika Kronlachner

Kann eine Frau im katholischen Kloster Karriere machen? Die Frage klingt unpassend. Es ist allbekannt, dass die Katholische Kirche seit Jahrhunderten von Männern beherrscht wird. Beispielsweise können nur Männer zu Bischöfen, Priestern und Diakonen gewählt werden. Auf der anderen Seite stehen Teresa von Ávila, Hildegard von Bingen, Mutter Teresa. Diese Beispiele zeigen, wie unterschiedlich das Leben einer Frau in der Kirche sein kann.

Welche Rolle spielen Frauen in der Kirche?
Welche Werte haben sie?
Welche Aufgaben erfüllen sie?   
Was machen sie für unsere Gesellschaft?

Ich suche nach den Antworten im Gespräch mit der Leiterin des Benediktinerinnenklosters Nonnberg, Veronika Kronlachner. Im Interview spricht die Äbtissin über ihren Weg in die Religion, die Rolle der Frauen, das Leben im Kloster und unsere Gesellschaft.

Zur Person: Veronika Kronlachner (51) ist die 93. Äbtissin des Klosters Nonnberg. Sie stammt aus einer großen Familie mit 8 Geschwistern. Kronlachner ist ausgebildete Kleidermacherin. 1991 trat sie in das Stift Nonnberg ein.

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Sie kommen aus einer großen Familie, haben eine Ausbildung gemacht und als Kleidermacherin  gearbeitet. Also ein normales und ruhiges Leben. Warum sind Sie ins Kloster gegangen?

Kronlachner: Ich war eigentlich immer gläubig. Der plötzliche Tod meines Bruders hat jedoch meinen Glauben sehr herausgefordert. Für mich stellte sich die Frage: Wie kann Gott so etwas zulassen? Momentan konnte ich nicht mehr vertrauen, dass Gott so gut ist.

Aber ich habe mir auch andere Fragen gestellt: Was ist das Leben? Und was ist die Liebe? Ist Gott der Gott der Liebe? Ich konnte nicht mehr so oberflächlich leben wie meine Mitschülerinnen. Und dann habe ich das Stift Nonnberg kennengelernt. Und ich habe verstanden: Jesus Christus ist die Auferstehung und das Leben. Und soweit mein Leben von ihm erfüllt ist, ist es wirklich ein wahres Leben, das auch mit dem Tod nicht endet.

Sie wollten aber nicht gleich eintreten…  

Kronlachner: Nein, natürlich nicht! Eigentlich wollte ich eine große Familie haben und dort den Glauben leben und weitergeben. Ich habe versucht, mein Leben nach dem Glauben auszurichten und dabei stellte sich mir immer wieder die Frage, ob ich ins Kloster gehen sollte. Zugleich hatte ich einen Freund und wollte heiraten. In dieser inneren Auseinandersetzung habe ich die Ausbildung zur Altenpflege angefangen und mir gesagt: du hast nun zwei Jahre Zeit, um das zu prüfen und zu klären. Bald habe ich dann aber meine Berufung eindeutig verspürt und bin diesem Ruf ins Kloster gefolgt.

Gibt es bestimmte Voraussetzungen, um aufgenommen zu werden?

Kronlachner: Voraussetzung ist eine abgeschlossene Ausbildung. Wenn man dann im Laufe der Zeit zum Entschluss kommt, dass es doch nicht der richtige Weg ist, hat man eine Alternative. Ma muss auch mindestens 18 Jahre alt sein. Für unser Leben braucht es eine Berufung. Die Liebe zu Christus ist im Grunde ausschlaggebend. Natürlich muss es auch jemand sein, der Stille liebt und aushalten kann.

Wie wird man aufgenommen? Gibt es eine Probezeit?

Kronlachner: Mit dem Eintritt in Form eines schlichten liturgischen Aktes, zu dem die ganze Gemeinschaft zusammenkommt, vollzieht sich die Aufnahme und damit beginnt die 6-jährige Probezeit, in der die einzelne als auch die Gemeinschaft die Berufung prüfen. Wenn man spürt, dass es nicht der richtige Weg ist, steht jedem frei, zu gehen. Ansonsten erfolgt an deren Ende die Ablegung der Profess auf Lebenszeit die endgültige Aufnahme in die klösterliche Gemeinschaft.

Sie binden sich auf Lebenszeit. Ist das nicht ein Wagnis?

Gott ist treu und auf diese Treue antworten wir mit unserem Ja in der Profess. Jede Entscheidung birgt ein Wagnis, aber zugleich auch eine große Freiheit. Wir wissen nie im Voraus, wie sich die Dinge entwickeln werden, weder im Kloster noch in einer Ehe – doch mit einer verbindlichen Entscheidung setze ich eine Wegmarke und zugleich einen Orientierungspunkt für mein weiteres Handeln. Es macht frei, wenn ich um die grundlegende Ausrichtung meines Lebens weiß. Für mich ist Jesus Christus und seine Liebe Grund und Ziel meines Lebens.

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2017 wurden Sie von Ihren Mitschwestern zur 93. Leiterin des Benediktinerinnen-Klosters gewählt. Welche Gefühle haben Sie dabei gehabt?

Kronlachner: Oje (antwortet verlegen). Na ja, es war mir bewusst, dass diese Verantwortung, die auf mich zu kommt, meine eigenen Kräfte übersteigt. Im Vertrauen auf Gottes Hilfe habe ich diese Verantwortung übernommen.  Mit „glücklich“ oder „traurig“ kann ich diesen Moment nicht umschreiben. Natürlich, ein Gefühl der Dankbarkeit war schon da, weil mir das Vertrauen der Mitschwestern entgegengebracht wurde.

Verstehen Sie es als Erfolg?

Kronlachner: Das ist keine Karriere, die man anstrebt. Ganz im Gegenteil. Es ist eine große Aufgabe, die es ernst zu nehmen gilt. Ich verstehe es als Dienst, der im Sinne Jesu, der nicht gekommen ist um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen, zu erfüllen ist.

Wie wurden Sie für diese Position ausgewählt?

Kronlachner: Die Äbtissin wird demokratisch gewählt. Die Wahl selbst ist vom intensiven Gebet aller Schwestern um das Wirken des Heiligen Geistes begleitet. Es gibt keinen Wahlkampf. Für den hl. Benedikt ist das maßgebliche Kriterium die Bewährung im Leben. Bei der Wahl gibt jede Schwester ihre Stimme ab. Es gilt die Zweidrittelmehrheit.

Was bedeutet es für Sie, eine Äbtissin zu sein? Welche Aufgaben haben Sie?

Kronlachner: Nach der Regel des heiligen Benedikt lautet die Aufgabe, Seelen zu leiten. Der Abt/die Äbtissin soll wie ein Lehrer und ein Arzt handeln. Es geht nicht um Macht oder Herrschaft, sondern darum, Seelen  zum Wachstum zu führen. Der hl. Benedikt sagt: „Der Abt muss wissen, welch schwierige und mühevolle Aufgabe er auf sich nimmt, Menschen zu führen und der Eigenart vieler zu dienen. Nach der Eigenart und Fassungskraft jedes Einzelnen soll er sich auf alle einstellen und auf sie eingehen.“ Das bedarf des Feingefühls, klugen Vorausschauens und einer gewissen Großherzigkeit.

Wie sehen Sie ihre Rolle hier im Kloster und in der Gesellschaft?

Kronlachner: Das Leben bleibt auch im Kloster nicht stehen. Jede, die eintritt, ist das Kind ihrer Zeit. Ich bin eingetreten, als es z.B. noch kein Handy gab. Ein Mitgehen mit der Zeit ist nötig, doch das ist etwas anderes als eine oberflächliche Anpassung. Es geht darum die Entwicklungen auf dem Hintergrund der überlieferten Tradition des Mönchtums und der Regel der hl. Benedikt zu reflektieren und dann die nötigen Schritte zu setzen.

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Sie leben in einem sehr alten Kloster. Welchen Einfluss hat das auf Ihr Handeln?

Im Vergleich zur modernen, schnelllebigen Gesellschaft denken wir im Kloster in längeren Zeitspannen, ja in Jahrhunderten. Wir sind uns bewusst, dass wir ein vielfältiges geistiges und materielles Erbe übernommen haben und damit auch die Verantwortung haben, es an die nächste Generation gut weiterzugeben. Was in den letzten Jahren unter dem Schlagwort „Nachhaltigkeit/nachhaltiges Handeln“ populär wurde, praktizieren wir schon seit langem.

Welche Vorteile hat das Leben im Kloster für eine Frau?

Kronlachner: Einen Vorteil im Sinn eines gewissen sozialen Aufstiegs aufgrund des Klostereintritts gibt es hierzulande heute nicht mehr. Dieses Leben, dieses auf Christus hin leben, ist natürlich im Kloster leichter als außerhalb, weil man ein strukturierteres Leben führt. Draußen muss man oft mühsam die Zeit für das Gebet suchen. Wir haben unsere festen Gebetszeiten wie auch unsere Arbeitszeiten, denn in diesem Wechsel von Gebet und Arbeit vollzieht sich unser benediktinisches Leben  – ora et labora. So hat beides im Alltag Platz.

Ja, Sie haben Recht. Für die wichtigen Sachen finden wir keine Zeit. Warum konzentrieren wir uns aber auf solche Sachen, die eigentlich nicht so wichtig sind, wie z.B. auf Geld?

Kronlachner: Das Geld ist nicht verkündigungsneutral und es kommt wesentlich – wie bei allen Dingen – auf den rechten Umgang damit an. Denn ich kann mit Geld auch viel Gutes bewirken. Wenn ichbewusst Fairtrade-Produkte kaufe statt Billigartikel zu Dumpingpreisen trage ich durch meine Mehrausgabe dazu bei, dass Menschen für ihre Arbeit einen gerechteren Lohn erhalten. Oder wenn ich biologisch produzierte Lebensmittel kaufe, unterstütze ich den sorgsamen Umgang mit der Schöpfung.

Was ist aber wirklich wichtig? Gott ist da! Gott führt uns und leitet unser Leben. Das ist es, was uns frei machen kann. Der Mensch ist so, dass er schnell vergisst und sehr leicht bei dem hängen bleibt, was vor Augen steht. Die Gefahr des Vergessens besteht im Kloster genauso. Der hl. Benedikt mahnt uns: der Gottvergessenheit entfliehen!

Geld per se ist nicht schlecht, wir brauchen es. Wenn ich Familienvater bin, kann ich nicht den ganzen Tag in der Kirche sein, weil ich Gott liebe. Ich muss auch arbeiten gehen. Ich habe meine Verpflichtungen. Aus der Liebe zu Gott muss ich die Kraft haben, dass ich für mein Kind da bin. Das Problem ist nicht das Geld, sondern, dass Dinge absolut gesetzt werden. Dann ist nicht Gott an erster Stelle, sondern das Geld, das Auto oder der Beruf. Aber an erster Stelle muss Gott stehen, an zweiter Stelle die Familie und erst an dritter Stelle die Arbeit.

Sie haben über die Pflichten geredet, dass der Mann seine Familie ernähren soll. Welche Pflichten hat eine Frau? Muss sie auch arbeiten und Geld verdienen?

Kronlachner: Es kommt darauf an. Wenn der Mann nicht so viel verdient, dass er die Familie gut ernähren kann, dann kann das sein, dass die Frau auch arbeiten gehen muss. Aber: warum soll die Frau nicht arbeiten gehen dürfen oder können? Es ist immer die Frage, ob ich trotzdem Zeit für mein Kind, meine Familie habe. Bei der Frau ist es so, dass sie 100 Prozent im Beruf da sein muss, 100 Prozent für ihren Mann, 100 Prozent für ihre Kinder … Wie ist das möglich? Und da ist nicht nur die Frau sondern die ganze Gesellschaft gefordert, Arbeitsbedingungen zu schaffen, die familienfreundlich sind.

Mittlerweile gibt es auch viele Familien ohne Kinder. Was denken Sie darüber? Ist es eine echte Familie?

Kronlachner: Es geht um die Frage, warum sie keine Kinder haben. Haben sie sich bewusst gegen Kinder entschieden? Wenn ja, was war der Grund? Ist es richtig, aus Egoismus keine Kinder zu bekommen? Auf diese Weise wird das Leben blockiert. Andererseits gibt es Familien, die gerne Kinder wollen, aber keine bekommen können.

Und wenn eine Frau alleine bleiben will…

Kronlachner: Nicht jede Frau schafft 100% Arbeit und 100% Familie. Bevor sie sich selbst überfordert, schraubt sie zurück. Diese Geschwindigkeit schafft man nicht auf Dauer. Es ist auch die Frage, welches Ziel habe ich vor Augen. Wenn ich nur den Beruf und Karriere vor Augen habe, werde ich dann glücklich? Wie geht es mir später, wenn ich spüre: ich stehe alleine da, weil ich im Beruf nicht mehr gefragt bin. Das muss aber jede alleine entscheiden. Ich kann aus meiner eigenen Erfahrung als Teil einer großen Familie mit vielen Geschwistern, Nichten und Neffen nur ermutigen: Kinder sind ein großes Geschenk und eine Bereicherung für das Leben.

Hier im Kloster führen Sie auch ein Leben ohne Familie und Kinder. Wo ist dann der Unterschied?

Kronlachner: Ja, natürlich, ich habe selber keine Kinder (lachend). Es gibt die Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen und es gibt Menschen, die dazu berufen sind. Dieses ehelose Leben hat eine andere Fruchtbarkeit. Wenn wir z.B. an Mutter Teresa oder Mutter Emmanuelle von Kairo denken, die ein sehr fruchtbares Leben für die Ärmsten der Armen führten. Das ist nichts für jeden, aber unser eheloses Leben ist ein Leben für andere: im Gebet, in Solidarität und Stellvertretung. Als Ordensfrau sehe ich meine Berufung darin, die Not und Sehnsucht der Menschen und der Welt im Gebet mitzutragen und Gott anzuvertrauen. Es gibt auch Frauen, die ihr Leben  ganz in den Dienst der medizinischen Forschung stellen. Sie haben auch viel für das Leben getan.

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Nach dem Gespräch mit der Äbtissin hatte ich das Gefühl, in einer anderen Welt gewesen zu sein. Die Nonnen vertreten Werte, die uns langsam fremd werden. Vor allem geht es um die christlichen Werte und ein anderes Realitätsverständnis.

In dieser Welt wird Erfolg, Karriere und Familienplanung anders wahrgenommen. Sie haben ähnliche Probleme wie wir, gehen damit aber anders um. Im Kloster findet man Eigenschaften einer demokratischen Institution. Jede Frau kann es verlassen, wenn sie will, und ins „normale“ Leben zurückgehen. Es ist ein anderes Leben als das normale. Was ist aber dieses normale Leben? 

Das Interview führte Yelena Shushpanova, ehemalige Stipendiatin des AAIs