„Wie kann es sein, dass die Jugend zahlenmäßig so groß ist, jedoch die „Alten“ trotzdem so mächtig sind?“

Dies ist eine zentrale Frage, die sich Journalistin Katrin Gänsler immer wieder stellt. Eine Antwort hat sie auch nach jahrelanger Präsenz in Westafrika noch nicht gefunden. Schätzungen zufolge leben heute rund 200. Mio. Menschen in Nigeria. Das Durchschnittsalter liegt bei 17,9 Jahren. Nigeria ist weltweit das am stärksten wachsende Land und wird laut UN-Prognosen 2050 nach Indien und China das drittgrößte Land weltweit sein.
Eine Erklärung für das rasante Bevölkerungswachstum ist die unzureichende Familienplanung. Nur 15% der nigerianischen Frauen zwischen 15-49 Jahren verhüten. Im Durchschnitt bekommt eine Frau 5,07 Kinder. Problematisch ist, dass Verhütung landesweit stark tabuisiert ist und dadurch Frauen oft keine Möglichkeiten haben, Schwangerschaften zu verhindern.

Westafrika, die "Region der alten Männer"

Westafrikanische Länder werden hauptsächlich von Präsidenten im Alter jenseits der 60 Jahre regiert. Nigerias Präsident Muhammadu Buhari ist 76 Jahre alt. Er und viele andere hochrangige Politiker sind schon seit Jahrzehnten im Amt. Für junge Menschen ist es schwierig, in die Politik zu kommen. Gute Kontakte und Netzwerke im ganzen Land sind hierfür essentiell. Außerdem braucht man vor allem finanzielle Mittel. So kostet beispielsweise die Bewerbung für die interne Vorwahl um die Präsidentschaftskandidatur umgerechnet mehr als 29.500 Euro.
2016 wurde von jungen NigerianerInnen die Kampagne „NotTooYoungToRun“ ins Leben gerufen. Das Ziel der Bewegung war es die Altersstruktur bei politischen Ämtern zu senken, damit mehr junge Menschen die Möglichkeit bekommen, sich für politische Ämter zu bewerben. Junge Menschen aus dem ganzen Land haben für ein Ziel gekämpft und haben es tatsächlich geschafft, dass das passive Wahlalter bei Präsidentschaftswahlen von 40 auf 35 Jahre gesenkt wurde.
Trotz des Erfolgs der Kampagne hat sich an der Altersstruktur nach den Wahlen im Februar 2019 nichts geändert. Die Menschen identifizieren sich nicht mit dem Staat, deswegen ist die Wahlbeteiligung landesweit sehr niedrig. Die Meinung vieler ist auch, dass es egal ist wer an der Macht sei, da sich sowieso nichts ändern würde. Vor allem junge Menschen fühlen sich vom Staat nicht unterstützt. Diese Aussichtslosigkeit führt dazu, dass viele sich terroristischen Netzwerken anschließen.

Nigerias zahlreiche Herausforderungen

Nigeria weist eine Bevölkerungswachstumsrate von 2,6 % auf, jedoch wächst die Infrastruktur nicht genügend mit. Es fehlen Straßen und Verkehrsverbindungen. Außerdem ist das Stromnetz nicht für eine derartig große Bevölkerung ausgerichtet und es kommt regelmäßig zu Stromausfällen. Ebenso sind die Bildungseinrichtungen mit der großen Bevölkerungszahl überfordert. Das führt dazu, dass mehr als 8.5 Mio. Kinder im Grundschulalter keine Schule besuchen. Außerdem gibt es nicht genügend Universitäten für die Vielzahl an jungen Menschen, die gerne studieren würden. Ein daran anschließendes Problem ist laut Gänsler der Mangel an ausgebildetem Personal. Es gibt nicht genügend gut ausgebildete Lehrer, Ärzte oder diverses Fachpersonal. Zudem fehlt es der Bevölkerung an Arbeitsplätzen. Vor allem junge Menschen haben Probleme eine Arbeit zu finden und versuchen sich im informellen Sektor (Straßenverkauf oder Transport) durchzuschlagen.
Eine große Herausforderung Nigerias ist die kulturelle Vielfalt des Landes. Hier leben viele ethnische Gruppen, es werden zahlreiche Religionen praktiziert und über 521 verschiedene Sprachen und noch viel mehr lokale Dialekte gesprochen. Die Menschen identifizieren sich mit sehr vielen unterschiedlichen Gruppen und so ist es schwierig, ein Gemeinschaftsgefühl im Land zu entwickeln.

Es sind Erfogsgeschichten, die NigerianerInnen anspornen

Gänsler meint, dass es vor allem Erfolgsgeschichten sind, die im Land gerne gehört werden und die die Menschen motivieren. Neben all den Herausforderungen, die Nigeria heute und in Zukunft zu bewerkstelligen hat, gibt es auch Positives zu berichten. So entwickelt sich seit mehreren Jahren eine beachtliche Start-up-Szene in den Städten (vor allem Lagos) des Landes. Diese Start-ups haben besonders den Agrarsektor und den Medizinsektor im Fokus. Es gibt beispielsweise ein Star-up das es Ärzten möglich macht, tageweise Räume für Behandlungen zu mieten.
Auch die Unterhaltungsindustrie ist im Wachstum begriffen. Seit dem späten 19. Jahrhundert hat sich in Nigeria eine eigene Filmbranche entwickelt, die mittlerweile unter dem Begriff „Nollywood“ bekannt ist. Auch „Kannywood“ entwickelte sich im Norden Nigerias zu einer erfolgreichen Branche. Die Filme werden in afrikanischer Sprache produziert und setzen hauptsächlich auf die lokale Bevölkerung als Zielgruppe. Die Qualität der Filme verbessert sich zunehmend und auch die Nachfrage an ausgebildeten Schauspielern steigt.
Neben der Filmbranche wird auch die Musikindustrie immer größer. Die von jungen Musikern produzierte Musik ist zunehmend wieder politisch und wird oft als Ausdrucks- und Kritikform verwendet. Ein Beispiel für einen erfolgreichen jungen nigerianischen Musiker ist der Rapper Falz, der in seinem milliardenfach aufgerufenen Song „This is Nigeria“ mit dem Land abrechnet und nicht vor Direktheit zurückscheut.

Wie können junge Leute die Lage in Nigeria verändern?

Gänsler sieht hier ganz klar Bildung an erster Stelle. Es muss jungen Menschen die Möglichkeit gegeben werden, zur Schule gehen zu können. In einem nächsten Schritt muss es möglich sein, dass sie Zugang zu öffentlichen Universitäten mit gut ausgebildetem Personal bekommen. Außerdem sind Förderprogramme für Auslandsstudien wichtig, damit Menschen in andere Regionen und Länder kommen um ihren Horizont zu erweitern, Wissen und Erfahrungen zu sammeln, mit dem sie dann in der Heimat ihre Ideen und Ziele umsetzen können.

Fazit

Katrin Gänslers Vortrag war sehr aufschlussreich und hat einen umfangreichen Einblick in ein sehr vielseitiges Land gegeben. Obwohl Nigeria vor zahlreiche Herausforderungen steht, hat das Land auch viel Potential. Vor allem junge Menschen versuchen immer mehr ihr Potential zu nützen und lassen sich nicht von den Schwierigkeiten im Land unterkriegen.

verfasst von Lisa-Marie Hiebl-Rausch, Praktikantin AAI

Reflexion zum Vortrag „Nigeria: Die Zukunft in der Hand der Jugend“ von Katrin Gänsler am 6.Mai 2019

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