Fünf Filme, drei Tage und ein übergeordnetes Thema: afrikanische Lebensrealitäten aus der Perspektive von Afrikaner*innen. Das waren die Afrika-Filmtage 2022 des Afro-Asiatischen Instituts im „Das Kino“. Einen ausführlichen Artikel über die Filmtage im Allgemeinen können Sie hier finden, in diesem Artikel möchte ich auf zwei Filme genauer eingehen, welche im Rahmen des Filmfestivals gezeigt wurden: Supa Modo & Papicha. (Spoilerwarnung!)

Supa Modo

Supa Modo, was so viel heißt, wie „Supermensch“, führt uns in ein kleines und überschaubares kenianisches Dorf, in welchem die neunjährige Jo mit ihrer Schwester und ihrer Mutter lebt. Jo ist krebskrank und hat nur mehr wenige Monate zu leben. Zu Beginn noch in krankenhäuslicher Behandlung, entscheidet Jos Mutter, sie aus der Obhut der Ärzt*innen zu nehmen und sie zu Hause zu pflegen. Jo ist ein großer Fan von Superheld*innen und der Welt des Kinos. Auch in ihrem Dorf gibt es ein kleines Kino, zu welchem es sie trotz Krankheit regelmäßig zieht.

Aus Sorge um die Gesundheit ihrer Tochter verbietet die Mutter dem schwer kranken Mädchen beinahe jede Belastung, doch Jos Schwester Mwix möchte ihrer Schwester viele schöne und aufregende Momente ermöglichen, solange dies noch geht. Sie spielt Jo aus tiefer Liebe vor, sie hätte Superkräfte und bindet bei den gemeinsamen, heimlichen Ausflügen ins Dorf auch die Dorfbewohner*innen mit ein. Das Ganze wird beinahe auf die Spitze getrieben, als Mwix einen Diebstahl mitten im Dorf inszeniert, der ganze Dorfplatz mitspielt und Jo so den „Dieb“ schnappt.

Als die strenge, aber sehr fürsorgliche Mutter davon erfährt und auch Jo bemerkt, dass das alles nicht real ist, wird ihr endlich zugehört, was sie sich wirklich wünscht: einen eigenen Superhelden-Film. Mit berührendem Gemeinschaftssinn wird die gesamte Dorfgemeinschaft mobilisiert, um einen Superhelden-Film mit Jo in der Hauptrolle zu drehen und ihren Traum zu erfüllen. Mit einfachen Mitteln und teils sehr kreativen Ideen wird Szene für Szene gedreht, und Jo genießt es trotz immer häufiger vorkommender Schwächeanfälle.

Jo sitzt mit einer Superhelden-Figur auf einem Felsen.
© Schlingel-Archiv

Beim Dreh einer entscheidenden Szene sieht Jo in Ferne, dreht sich zur Kamera und kippt schließlich regungslos um: Der Tod des Mädchens ist der emotionale Höhepunkt des Films, bei dem wohl nur die wenigsten ohne vergossene Träne wieder aus dem Kinosaal kamen. Doch mit Jos Tod wird das Projekt des Superheldenfilms nicht beerdigt. Zum Schluss wird der Film den Bewohner*innen im lokalen Kino des Dorfes vorgeführt. Ab Jos Tod übernehmen andere Kinder die Superheldenrolle gemeinsam und bringen den Film zu einem erfolgreichen Ende.

Supa Modo gelingt es, eine Geschichte zu erzählen, die für Kinder als auch Erwachsene aufregend und berührend zugleich ist, indem er die Kraft der Fantasie beschwört, welche Jo und all seinen Begleiter*innen Hoffnung und Freude schenkt.

„Wenn in Supa Modo die Nachbarn und Freunde zusammenhalten, um gemeinsam Jos Traum zu erfüllen, dann weiß man kaum mehr, ob einem gerade vor Freude oder vor Trauer eine Träne die Wange herunterkullert.“

Oliver Armknecht, 2018 (Film-Rezensionen)

Es ist ein bezaubernder Film, welcher auch durch die wunderschön eingefangenen Bilder der kenianischen Landschaft überzeugt. Nicht umsonst gewann Supa Modo zahl­reiche Festi­val­preise, unter anderem den ECFA-Preis für den besten europäi­schen Kinder­film.

Papicha

Papicha unterscheidet sich von Supa Modo auf vielen Ebenen. Der Film spielt im Algerien der 90er Jahre, genauer gesagt 1997, und damit mitten im Bürgerkrieg, was die Geschichte deutlich politischer und auch umstrittener werden lässt.

Der algerische Bürgerkrieg erschütterte das Land von 1991 bis 2002 und geht in seiner Vorgeschichte bis zur Unabhängigkeit Algeriens 1962 zurück. Nach dem Abzug Frankreichs orientiert sich Algerien in Richtung Sozialismus und entwickelt sich zu mit der Zeit zu einer Militärdiktatur unter Führung der FLN. Einnahmen aus der verstaatlichten Öl- und Gasindustrie machen das Land wohlhabend, doch als in den 80er Jahren der Ölpreis fällt, erlahmt auch die algerische Wirtschaft. Dies führt zu Protesten bis hin zu den „Oktoberrevolten“ 1988, bei denen rund 500 Menschen sterben. Um die Lage in den Griff zu bekommen, öffnet die Regierung das politische System und lässt neue Parteien und auch Wahlen zu.

Als bei den ersten landesweiten Wahlen im Dezember 1991 die Islamische Heilsfront, eine islamistische Partei, mit klarem Abstand stärkste Kraft wird, annulliert die Armee Anfang 1992 die Wahlen und verbietet die Partei, welche daraufhin gegen den Staat und Ungläubige aus dem Untergrund kämpft. Terroranschläge und unzählige Massaker folgen. Für die Bevölkerung ist nicht klar, wer gegen wen kämpft. Auch der Staat spricht lediglich vom Antiterrorkampf (Dugge, 2012; Miehe, 2021).

„Ob maskierte Armeekommandos oder maskierte Islamisten: Keine der beiden Gruppen sagt, was sie will, was ihr Programm ist. Die schweigende Mehrheit Algeriens steht weder hinter der einen noch der anderen Gruppe.“

Marc Dugge, 2012 (Deutschlandfunk)

Der Krieg forderte zwischen 100.000 und 200.000 Menschenleben und konnte erst zu Beginn der 2000er-Jahre durch die Versöhnungspolitik und eine Generalamnestie des neuen Präsidenten Bouteflikas beendet werden (Dugge, 2012; Miehe, 2021). Auch heute noch wirkt die Bürgerkriegsvergangenheit auf Politik und Gesellschaft nach.

Papicha wurde für Algerien bei den Oscars 2020 für den besten internationalen Film nominiert, jedoch im Land selbst danach zensiert. Bei den Afrika-Filmtagen 2022 feierte der Film seine Österreich-Premiere. Regisseurin Mounia Meddour erzählt im Film (inspiriert durch ihre eigenen Erfahrungen) die Geschichte der 18-jährigen Studentin Nedjma, die inmitten des Bürgerkrieges ihren Traum verfolgt, Modedesignerin zu werden und ihre Freiheiten auszuleben. Sie wohnt mit ihren Freundinnen in einem Studentinnenheim, das durchaus als progressive Enklave in einer immer konservativer und fundamentalistischer werdenden Stadt angesehen werden kann.

© polyfilm

Zu Beginn des Films ist von der ernsthaften Lage nur ausschnitthaft etwas zu spüren, wenn die Freundinnen sich nachts rausschleichen, um feiern zu gehen (wie die bewaffneten Checkpoints beispielsweise). Trotz der allgegenwärtigen Gefahr scheint die Stimmung einigermaßen ausgelassen. Doch der Druck der Islamist*innen und konservativen Fundamentalist*innen wird immer stärker: Überall werden Plakate aufgehängt, die Mädchen und Frauen zum Tragen eines Hijabs auffordern, Vorlesungen werden gestört und selbst im Studentinnenheim werden die Bewohnerinnen von Islamist*innen bedroht. Nedjma weigert sich, die Bürgerkriegslage zu sehr an sich heranzulassen und sträubt sich gegen die Einschränkung der Frauenrechte und ihrer persönlichen Freiheiten. Die Lage spitzt sich aber auch für Nedjma persönlich zu, als ihre Schwester Linda plötzlich erschossen wird.

Viele ihrer Freundinnen haben keine Hoffnung mehr auf ein friedliches und erfülltes Leben in Algerien, doch sie möchte bleiben und etwas verändern und plant allen Widrigkeiten zum Trotz eine Modenschau auf dem Unigelände. Dort möchte sie ihre Kreationen vorstellen, welche ausschließlich aus Haik hergestellt werden – ein politisches Statement an sich, da viele Frauen im algerischen Unabhängigkeitskrieg gegen Frankreich Waffen darunter verstecken und transportieren konnten und damit einen wichtigen Beitrag zum schlussendlichen Sieg Algeriens leisteten.

Als kurz vor der Modenschau alle Vorbereitungen, und damit die gesamte Arbeit, von Islamist*innen zerstört werden, begräbt die verzweifelte Nedjma ihre Pläne, kann jedoch von ihren Freundinnen überredet werden, es trotz allem gemeinsam durchzuziehen. Während der Modenschau kommt es dann zum grauenvollen Schlussakt. Man konnte es beinahe erahnen, dass etwas passieren wird, und dennoch schockiert das Ende nachhaltig: Islamist*innen stürmen das Heim und schießen in die Menge. Nedjma überlebt. Der Film endet damit, dass Nedjma am Grab ihrer Schwester steht und durch ihre Tränen versucht, Frieden zu finden. Auch als Zuseher*in lässt einem das Gesehene nicht so schnell wieder los, wenn man den Kinosaal verlässt.

Das Wort „Papicha“ ist algerisch-arabisch und bedeutet so viel wie junges und hübsches Mädchen. Diese Mädchen stehen im Zentrum des Films und ihre Mode wird zum Symbol des Widerstands gegen die rückschrittlichen Forderungen der auf sie zurollenden islamistischen Gefahr.

„Die Lebensumstände von Nedjma machen aus Papicha eine feinfühlige Coming-of-Age Geschichte, in der es nicht nur um die Selbstfindung einer jungen Frau geht, sondern auch um deren Zukunft, die man ihr verwehren will. Nedjma hat diese Unschuld, aber gleichzeitig eine Wut, die einen im Innersten trifft.“

Michelle Knoblauch, 2021 (Cineman)

Kommentar verfassen