Im Global Space am 21. Jänner 2021 sprach Rand El Zain, Doktorand*in und AAI Eine-Welt-Stipendiat*in, über die Darstellung von vertriebenen syrischen Frauen im arabischen Fernsehen. Sie fokussierte sich in ihrer Untersuchung auf die vier Begriffe „Gewalt“, „Verwundbarkeit“, „Resilienz“ und „Widerstand“ und zeigte anhand derer, wie einzelne Fernsehsender diese Begriffe aufgreifen und versuchen, ihre jeweiligen soziopolitischen Interessen zu übermitteln, anstatt objektiv über die Situation der vertriebenen Frauen zu berichten. Dabei wird zum einen ein bestimmtes Frauenbild beständig reproduziert. Zum anderen wird über manche Erfahrungen syrischer Frauen entweder gar nicht oder ohne jede sozio-ökonomische Kontextualisierung berichtet.

Die Darstellung vertriebener syrischer Frauen in den Fernsehsendern ist außerdem stark davon abhängig, welcher politischen Gesinnung die jeweiligen Sender angehören. So wird auf Kanälen der syrischen Opposition zu denen zum Beispiel Al Jazeera, Al Arabiya und Al Aan gehören, ganz anders berichtet als auf jenen, die pro-syrisch gestimmt sind oder dem syrischen Assad-Regime gehören und von diesem kontrolliert werden. Sowohl die eine als auch die andere Seite nimmt eine polarisierende und subjektive Haltung ein und lässt die sozio-politischen Umstände, in denen die verschiedenen Gruppen syrischer Frauen leben, vollkommen außen vor.

Gewalt, Verwundbarkeit, Resilienz und Widerstand

Rands Analyse der Berichterstattung im arabischen Fernsehen beruht auf diesen vier Begriffen. Anhand von ihnen versucht sie zu erklären, nach welchen Kriterien das Fernsehen über die Situation der syrischen Frauen berichtet. Dass diese Berichterstattung jedoch auf sehr subjektive Art und Weise erfolgt, zeigt Rand El Zain anhand von konkreten Beispielen.

So stützen sich vor allem die Sender der syrischen Opposition, die von Saudi-Arabien, Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten unterstützt werden, auf den Aspekt der Gewalt, um Kritik am syrischen Assad-Regime zu äußern. Dabei steht jedoch ein Sensationalismus im Vordergrund, denn die Sender berichten ausschließlich über die Gewalt an Frauen seitens des Assad-Regimes (mit dem Fokus auf staatlicher oder genderbasierter Gewalt), nicht jedoch über jene Gewalt, die von der syrischen Opposition verübt wird. Außerdem ist hier wichtig zu erwähnen, dass nicht von konkreten Erlebnissen und Erfahrungen der Frauen berichtet wird, sondern die Frauen aufgrund ihrer Gewalterfahrung in ein schambehaftetes Licht stellt, was wiederum dazu führt, dass die Frauen in einer ohnedies schon prekären Situation noch weiter an den gesellschaftlichen Rand gedrängt werden. 

In Bezug auf Verwundbarkeit spricht die Vortragende über Kinderehen, zu welchen vertriebene syrische Mädchen oft gedrängt werden. Vom arabischen Fernsehen werden die syrischen Mädchen als „verwundbar”dargestellt und der Weg der Ehe wird als einziger Weg zu finanzieller und sozialer Sicherheit repräsentiert. Wie auch schon beim Thema Gewalt wird auch hier sehr einseitig berichtet und die Schicksale der jungen Frauen werden nicht näher beleuchtet. Außerdem werden in den Reportagen über die Kinderehen fast ausschließlich Frauen gezeigt, so als hätten Männer – Väter sowie Ehemänner – damit überhaupt nichts zu tun. In den meisten Berichten werden nur die Mütter interviewt und es wird von Seiten der Medien so dargestellt, als würden sie ihre Töchter „opfern“, weil die Ehe ihnen scheinbar den einzigen Ausweg aus ihrer schwierigen Lage bietet.

Ein weiterer Punkt den Rand El Zain in ihrem Vortrag ansprach ist die Resilienz. In ihrer Untersuchung hat sie herausgefunden, dass die Sender Al Jazeera, Al Arabiya und Al Aan vermittelt haben die vertrieben syrischen Frauen würden eine Art von ‚Selbst-Resilienz‘ anwenden. Resilienz wird im arabischen Fernsehen häufig als die einzige Art von Bewältigung von Schicksalsschlägen präsentiert, die Gründe für die Vertreibung oder Flucht aus dem Heimatland werden zur Gänze ausgeblendet und die Frauen werden als arm, passiv und apolitisch dargestellt.

In den von der syrischen Regierung kontrollierten Fernsehsendern oder jenen, die das Assad-Regime unterstützen, wie etwa russische oder iranische Sender, ist der Fokus ein ganz anderer. So wird zum Beispiel das Thema Gewalt an Frauen gar nicht angesprochen. Die pro-syrischen Medien konzentrieren sich viel eher darauf positive Berichte zu zeigen. Im Kontext des Widerstandes wird zum Beispiel von Soldat*innen berichtet, die gerne bereit sind als „Kämpfer*innen für die Nation“ im Krieg zu kämpfen. Dass die Realität jedoch eine andere ist und die Soldat*innen oft Opfer von sexueller und psychischer Gewalt sind, wird hierbei einfach ausgelassen. Wie es auch auf den zuvor erwähnten arabischen Sendern der Fall ist, zeigen auch die pro-syrischen Sender Berichte, die ihre politischen Interessen fördern und unterstürzen.

Auf welchen Faktoren beruht diese Art der Berichterstattung?

Rand El Zain nannte in ihrem Vortrag drei wichtige Aspekte, die dieser subjektiven Art der Berichterstattung zu Grunde liegen. Zunächst steckt dahinter eine mediale Logik, die darauf abzielt, die Zuseher*innen auf einer emotionalen Ebene zu erreichen und so das Fernsehen „aufregender“ zu machen. Außerdem bedienen sich die Sender einer genderbasierten Logik, die von einer männlichen Seite gesehen wird. Die gesamte Berichterstattung wird so aus einem, wie Rand El Zain sagt, “context of traditional feminity” geschildert, in dem die Frauen als hilflos und schutzbedürftig oder in einer erfüllenden Rolle als Mutter und Ehefrau dargestellt werden. Selbst die Berichterstattung über syrische Soldat*innen steht unter diesem Aspekt der Genderlogik, so werden sie zum Beispiel als „Blumen der Nation“ bezeichnet. Ein letzter wichtiger Aspekt, der in den Fernsehreportagen eine Rolle spielt, ist die sogenannte Kriegslogik, die sich ausschließlich darauf fokussiert, die verfeindete Opposition in ein schlechtes Licht zu rücken. 

In allen drei Aspekten zeigt sich, wie einseitig und manipulativ die mediale Berichterstattung im arabischen Fernsehen ist und wie das Schicksal vieler vertriebener syrischer Frauen so aus dem Fokus gerät und die tatsächliche psychosozial sowie finanziell schwierige Lage, in der sich die Frauen befinden unter den Tisch gekehrt wird. Ziel von Rand El Zains Analyse war es, diese Aspekte und die subjektive Berichterstattung über syrische Frauen im arabischen Fernsehen aufzudecken und den Erfahrungen von Frauen außerhalb von stereotypischen Geschlechterrollen und sozial-politischer Interessen, eine Stimme zu geben.

Zugang zu alternativen Informationsquellen bekommt man vor allem über die sozialen Medien sowie unabhängige Informationsplattformen, von denen einige hier im Anschluss als Links aufgelistet sind.

Links zu Websites mit mehr Informationen zum Thema

  • Kohl Journal (feministisches Magazin mit Fokus auf Gender und Sexualität im Mittleren Osten, Süd-West Asien und Nordafrika): https://kohljournal.press/

Hier könnt ihr das Webinar nachsehen

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