Ein kritischer Blick auf die Nachhaltigen Entwicklungsziele

Im Rahmen der „17. Entwicklungspolitischen Hochschulwochen“ brachte Julia Schöneberg ­­­– auf Einladung von Anita Rötzer (Südwind Salzburg) sowie Franz Gmainer-Pranzl (Universität Salzburg) – einem interessierten Publikum entwicklungskritische Überlegungen zu den SDGs näher.

Zur Person: Schöneberg studierte Soziologie und Friedensforschung und arbeitet aktuell an der Universität Kassel sowie am „International Institute of Social Studies“ (ISS) in Den Haag, wo sie schwerpunktmäßig zu (asymmetrischen) Prozessen von Wissensproduktion, sozialen (Widerstands-) Bewegungen sowie praktischem Post-Development forscht (siehe: Infos Universität Kassel). Ihr Interesse am Post-Development entstand, so Schöneberg, u.a. durch Hinterfragung des Umstandes, weshalb sich – trotz aller Aufwendungen im Bereich der Entwicklungspolitik – globale Ungleichheiten weiterhin verstärken.  ­

Nachhaltigkeit – Entwicklung – Ziele

„Die nachhaltigen Entwicklungsziele“ – ein bekannter und oft gebrauchter Terminus. Doch welche Grundannahmen hinter dieser prominenten Betitelung stecken, wird wohl weit weniger hinterfragt. Genau daran knüpfte Julia Schönberg in ihrem Vortrag an und widmete sich gesondert den einzelnen Begriffskomponenten, um den Prämissen der SDGs auf den Grund zu gehen.

„Entwicklung“ sei so oft (unterschiedlich) definiert worden, dass der Ausdruck einer Amöbe gleichkomme. Eine Gemeinsamkeit vorherrschender Auffassungen von „Entwicklung“ sei jedoch, dass „Entwicklung“ stets als etwas normativ Positives erachtet werde, so Schöneberg.

Demgegenüber verstehen Vertreter_innen des Post-Development das Entwicklungsparadigma als eine Fortsetzung des Kolonialnarratives und kritisieren, dass es durch entwicklungspolitische Bestrebungen zur Reproduktion bestehender Machtasymmetrien kommen würde. Anstatt das globale Gesellschaftssystem an sich in Frage zu stellen, würden Theorien von „Entwicklung“ dazu beitragen, Ungleichheiten auf technokratische Lösungen zu reduzieren und diese damit zu entpolitisieren.

Unter Bezugnahme auf einen Aufsatz von Jason Hickel verwies Julia Schöneberg in weiterer Folge darauf, dass das Konzept der „Nachhaltigkeit“ (wie im Brundtland-Bericht von 1987 definiert) nicht vereinbar sei mit dem Streben nach „Entwicklung“ im Sinne von permanentem Wirtschaftswachstum. In Anbetracht dessen sei in Frage zu stellen, inwiefern das Bruttoinlandsprodukt wirklich als Indikator für „Entwicklung“ herangezogen werden solle, oder ob zur Erreichung eines „guten Lebens für alle“ nicht andere Faktoren als viel wesentlicher zu erachten seien.

Darüber hinaus gab Julia Schöneberg zu bedenken, dass u.a. aufgrund fehlender Messgrößen sowie Sanktionsmöglichkeiten bei Nichterreichung (bedingt durch die Struktur der UN), den Nachhaltigen Entwicklungsziele eigentlich eine viel geringere Verbindlichkeit zukomme als der Begriff „Ziele“ suggerieren würde.

Julia Schöneberg informiert über die SDGs
Das Publikum folgte den Ausführungen von Julia Schöneberg zu den SDGs mit großem Interesse. (Bild: Anita Rötzer, Südwind Salzburg)

Trotz aller Kritik …

… hob die Friedensforscherin positiv hervor, dass die SDGs grundsätzlich global ausgerichtet seien und universell für alle Länder gelten würden – im Gegensatz zu den davor angestrebten Millenium Development Goals, welche sich lediglich auf sog. „Entwicklungsländer“ bezogen.

So gesehen könnten die SDGs als eine Art „Referenzrahmen“ dienen, um auf ein gutes Leben für alle hinzuarbeiten. Doch um dies zu verwirklichen, reicht es nicht aus, sich einzelner Symptome der Ungleichheit zu widmen. Vielmehr müsse der Schwerpunkt auf strukturelle und systemische Veränderungen gelegt werden.

Zudem müssten wir uns im Globalen Norden bewusst werden, dass die Folgen unseres Lebensstils anderswo auf der Welt zu spüren sind und uns letztlich fragen, was wir tun (oder nicht mehr tun) müssen, um global verantwortungsvoll zu handeln und Ungleichheiten nicht weiter fortzuschreiben.

Diskussion mit großen Fragen

Sei es nicht grundsätzlich gut, dass es die SDGs gibt, egal ob diese nun erfüllt werden oder nicht?  Inwiefern fühlen sich Länder des Globalen Nordens überhaupt durch die SDGs angesprochen? Und wie könnten die SDGs verbessert werden?  Fragen wie diese kamen in der abschließenden Diskussion auf und sorgten für regen Austausch unter den Besucher*innen.

Fazit: Ein überaus spannender Vortrag, der Anstoß gab, die Nachhaltigen Entwicklungsziele, die eigenen Vorstellungen über „Entwicklung“ sowie unsere globale Verantwortung kritisch zu reflektieren!

Autor*in: Viktoria Söser

Titelbild: Anita Rötzer, Südwind Salzburg

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